Es gibt einen oft unausgesprochenen Glaubenssatz in der Paartherapie: Wenn zwei Menschen leiden –zugespitzt gesagt –, dann muss die Beziehung erhalten werden – böse Zungen würden sogar sagen: gerettet werden! Gespräche sollen wieder möglich werden. Nähe soll zurückkehren. Die Beziehung soll aufrechterhalten werden. Doch was, wenn genau das der Fehler ist?
Dieser Artikel stellt eine unbequeme, doppelte These auf. Eine für Paare – und eine für die Paartherapie selbst: Viele Beziehungen scheitern nicht, weil sie aufgegeben werden, sondern weil sie zu lange ausgehalten, stabilisiert oder „gerettet“ werden. Festhalten kann selbst zum Symptom werden. Rettung übernimmt eine Funktion. Hoffnung wirkt systemisch ambivalent.
Und auch die Paartherapie steht vor der Aufgabe, diese Realität auszuhalten – selbst dann, wenn sie nicht zu einem neuen gemeinsamen Weg führt. Oder – provokanter ausgelegt – selbst dann, wenn sie nicht in einen neuen oder längeren Auftrag mündet.

Warum viele Beziehungen nicht „scheitern“ – und gerade deshalb zu lange „gerettet“ werden
Warum Paartherapie nicht so oft „helfen“ sollte – und warum Wahrheit für Paare und Therapeut:innen entscheidend ist.
Von Daniel Urban – Paartherapeut in München
Inhaltsverzeichnis
- Der blinde Fleck der Paartherapie
- Beziehungen sterben selten an Streit – sie sterben am Unausgesprochenen
- Paartherapie als Vermeidungsstrategie
- Wann Paartherapie wirklich hilft
- Warum Paartherapie auf ›dem Eigenen begegnen‹ ausgerichtet sein sollte
- Was Paartherapie umfassen sollte – Die vier Ebenen der Klarheit
- Eine systemische Perspektive auf Beziehung, Symptomdynamik und Stabilität
- Warum gute Paartherapie nicht bei der Lösung der Probleme stehen bleibt
- Was die Forschung dazu sagt
- Ein stilles Kriterium guter Paartherapie
Der blinde Fleck der Paartherapie
Viele Paare kommen in die Therapie, weil sie „nicht mehr können“. Was sie meinen, ist meist:
- Gespräche enden in Eskalation oder Schweigen
- Nähe fühlt sich erzwungen oder leer an
- Konflikte wiederholen sich seit Jahren
- Entscheidungen werden vertagt
- Trennung wird gedacht, aber nicht ausgesprochen
Die klassische Paartherapie reagiert darauf oft mit Werkzeugen:
- Kommunikationsregeln
- Bedürfnisarbeit
- Konfliktlösungsstrategien
- Bindungsmodelle
All das kann hilfreich sein. Aber oft kommt es zu spät – oder am falschen Punkt.
Denn was hier oft fehlt, ist eine radikale Frage: Bleiben wir zusammen aus Liebe – oder aus Angst?
Beziehungen sterben selten an Streit – sie sterben am Unausgesprochenen
Viele Beziehungen scheitern nicht an zu viel Konflikt, sondern an zu wenig Wahrhaftigkeit. Dabei geht es nicht nur um die Ehrlichkeit gegenüber dem Partner, sondern vor allem um die Ehrlichkeit gegenüber sich selbst.
Dieses „Nicht-Aussprechen“ ist oft kein bewusster Akt der Bosheit oder Täuschung. Es ist ein menschlicher Schutzmechanismus. Wir verschweigen, verdrängen oder täuschen uns selbst, weil die Wahrheit das aktuelle Lebensmodell bedroht. Manchmal ist es Bequemlichkeit, manchmal die Angst vor dem Alleinsein, und manchmal ist es eine tiefe innere Ambivalenz: Wir wissen es in diesem Moment selbst noch nicht genau – wir spüren nur, dass etwas nicht mehr stimmt, und halten am Bekannten fest, um den Schmerz der Klarheit hinauszuzögern.
Ob es das Verschweigen einer Affäre aus Egoismus ist oder das jahrelange Verleugnen der eigenen Einsamkeit in der Zweisamkeit – das Resultat ist das Gleiche: Das Verstummen der eigenen Wahrheit lässt die Verbindung innerlich erodieren.
Sätze wie diese tauchen deshalb viel zu selten offen auf:
- „Ich weiß nicht, ob ich dich noch liebe.“
- „Ich habe Angst vor dem Alleinsein.“
- „Ich bleibe, weil ich nicht weiß, wer ich ohne uns bin.“
- „Ich gehe nicht, weil ich niemanden verletzen will.“
Diese Sätze wirken zu gefährlich, zu endgültig, zu destruktiv. Doch genau in diesem Unausgesprochenen liegt oft der eigentliche Kern des Leidens.

Paartherapie als Vermeidungsstrategie
Eine unbequeme Wahrheit: Manche Paare nutzen Paartherapie, um Entscheidungen zu vermeiden. Nicht bewusst. Nicht manipulativ. Sondern aus Angst. Therapie wird dann zu einem Ort, an dem man:
- weiterhofft, ohne zu handeln
- analysiert, ohne zu entscheiden
- repariert, was vielleicht gar nicht mehr lebt
Paartherapie wird dann zur Intensivstation für eine Beziehung, die eigentlich längst sagen müsste: „Ich möchte nicht mehr weiterkämpfen“.
Wenn Hoffnung zum Auftrag wird
Aber genau hier zeigt sich auch ein struktureller blinder Fleck der Paartherapie selbst. Hoffnung ist Teil des Auftrags – und Hoffnung bindet. Wer einen therapeutischen Auftrag annimmt, wird Teil des Beziehungssystems. Diese Bindung wirkt auf mehreren Ebenen: zwischen Paar und Therapeut:in, an den gemeinsamen Prozess, an die Hoffnung, und an die Idee, dass es doch noch gehen muss. Für alle Beteiligten.
Diese Bindung ist nicht falsch. Sie ist menschlich, professionell – und wirksam. Doch genau hier entsteht eine leise Gefahr: Klärung kann vertagt werden zugunsten von Hoffnung. Hoffnung wird dann nicht mehr Ressource, sondern Vermeidung. Nicht aus Unaufrichtigkeit, sondern weil sie Entlastung verspricht.
Systemisch betrachtet geraten Paare – und mit ihnen die Begleiter:innen – leicht in eine Dreiecksdynamik: Ein Teil wird zum Opfer, ein anderer zum Täter, und Therapeut:in rutscht unmerklich in die Rolle des Retters. Wo gerettet wird, muss oft niemand entscheiden. Und wo niemand entscheidet, bleibt Wahrheit oft unausgesprochen.
Ein struktureller Interessenkonflikt
Viele Paartherapien versprechen – offen oder subtil – Rettung, Heilung, Neubeginn. Oft aus ehrlicher Motivation heraus: unterstützen zu wollen, begleiten zu wollen, Mehrwert zu schaffen. Und doch bewegt sich Paartherapie auch in einem Markt, in dem Hoffnung Erwartungen erzeugt, Versprechen Vertrauen binden und Beziehungserhalt als Erfolg gilt.
Das ist kein Vorwurf. Aber es ist ein struktureller Interessenkonflikt, den Paartherapie reflektieren darf. Denn wer begleitet, beeinflusst. Und wer begleitet, trägt Verantwortung – auch dann, wenn Wahrheit keine Lösung verspricht, keinen Neuanfang, und keinen langen Prozess.
Manchmal wird nicht die Beziehung gehalten, sondern die Hoffnung. Und genau das kann verhindern, dass Menschen sich selbst begegnen.
Wann Paartherapie wirklich hilft
Eine verantwortungsvolle Begleitung braucht den Mut, nicht für den Erhalt der Beziehung zu arbeiten. Sie ist dann sinnvoll, wenn sie:
- Entscheidungen nicht hinauszögert, sondern die Grundlage dafür schafft.
- Ambivalenz sichtbar macht, statt sie wegzumoderieren.
- Angst nicht beschwichtigt, sondern hilft, sie auszuhalten.
- Raum für eine Begegnung schafft, die über das bloße Funktionieren hinausgeht.
Diese Klarheit kann zu einem neuen, ehrlicheren Anfang führen – oder zu einer Trennung.
Warum Paartherapie auf ›dem Eigenen begegnen‹ ausgerichtet sein sollte

Dem Eigenen zu begegnen ist kein innerer Akt der Einsicht, sondern ein Positionswechsel im therapeutischen Raum. Er beginnt dort, wo die Beziehung aufhört, der primäre Ort für Regulation, Klärung und Beruhigung zu sein.
In der Praxis zeigt sich dieser Schritt oft unspektakulär, aber folgenreich: Ein Partner spricht nicht mehr darüber, was der andere tun oder verstehen müsste, sondern darüber, was in ihm selbst entsteht, ohne es sofort in Beziehung zu übersetzen. Als unvertretbare innere Realität. Das Eigene wird nicht erklärt, sondern gehalten.
Therapeutisch bedeutet das, den Prozess bewusst zu verlangsamen. Statt Konflikte zu moderieren oder Verständigung herzustellen, wird der Moment markiert, in dem innere Bewegungen üblicherweise abgegeben werden – durch Analyse, Rechtfertigung, Fürsorge oder vorschnelle Lösungsversuche. Die Intervention besteht nicht in einer Technik, sondern in einer Unterbrechung: einen Moment bei sich zu bleiben, ohne Anschluss an den Partner und ohne Anschluss an die Beziehung.
Für viele ist dies der erste reale Schritt: das eigene Nichtwissen auszuhalten, ohne es sofort zu schließen. Nicht zu wissen, ob man bleiben oder gehen will. Nicht zu wissen, was man braucht. Nicht zu wissen, wie es weitergehen soll. Und nicht zu wissen, was der andere tun oder entscheiden wird. Dieses Nichtwissen ist kein Defizit, sondern der Punkt, an dem Verantwortung nicht mehr delegiert werden kann.
In der Paartherapie wird dieser Prozess sichtbar, wenn jemand beginnt, für die eigene innere Spannung einzustehen, statt sie über Beziehungsmuster zu regulieren. Ambivalenz wird nicht aufgelöst, sondern getragen. Der Partner wird dadurch nicht ausgeschlossen – aber er verliert die Funktion, innere Konflikte stellvertretend zu lösen.
Erst an diesem Punkt verändert sich der Charakter der Therapie. Gespräche werden langsamer, klarer, oft auch unbequemer. Entscheidungen werden nicht eingefordert, aber sie werden möglich, weil das Eigene nicht mehr im Beziehungssystem verteilt ist. Paartherapie wird so nicht zum Ort der Entscheidung, sondern zum Raum, in dem Menschen entscheidungsfähig werden.
Damit dieser Positionswechsel nicht abstrakt bleibt, sondern therapeutisch tragfähig wird, braucht er eine innere Struktur. In meiner Arbeit unterscheide ich dafür vier Ebenen von Klarheit. Sie beschreiben nicht, was Paare erreichen sollen, sondern was im Einzelnen geklärt sein muss, damit eine Entscheidung überhaupt möglich wird.
Was Paartherapie umfassen sollte – Die vier Ebenen der Klarheit
In meiner Arbeit bedeutet „Dem Eigenen begegnen“, einen Raum für eine mehrdimensionale Klarheit zu schaffen. Systemisch betrachtet hat Klarheit nämlich verschiedene Ebenen, die nicht automatisch zusammenfallen:
- Kognitive Klarheit: Etwas verstehen, einordnen und benennen können (den „Kopf“ mitnehmen).
- Emotionale Klarheit: Gefühle wirklich spüren, regulieren und aushalten können, statt sie nur zu analysieren.
- Entscheidungsbezogene Klarheit: Wissen, wofür man steht und welche Konsequenzen man tragen kann – auch ohne sofort in blinden Aktionismus zu verfallen.
- Integrative Klarheit: Das Erkannte innerlich wirklich „besitzen“ – wenn Kopf, Herz und Handeln wieder eine Einheit bilden.
Gute Paartherapie arbeitet daran, diese Ebenen zueinander in Beziehung zu bringen. Je mehr diese Klarheit entsteht, desto eher wird eine tragfähige Entscheidung möglich – sei es für einen Neuanfang oder für eine Trennung.

Um zu verstehen, warum das Festhalten oft so beharrlich ist und warum Wahrheit mehr Kraft kostet als das bloße Funktionieren, müssen wir die systemische Mechanik hinter den Kulissen betrachten.
Eine systemische Perspektive auf Beziehung, Symptomdynamik und Stabilität
Um diese Haltung besser zu verstehen, lohnt sich ein systemischer Blick darauf, wie Beziehungssysteme Symptome als funktionale Lösungen ausbilden, um Stabilität zu sichern.
Das Symptom als Stellvertreter
Warum Beziehungen leiden, um stabil zu bleiben
Ein Symptom ist ein beobachtbares Beziehungsmuster, das Leiden erzeugen kann und zugleich eine Funktion erfüllt.
Es ist das, worüber Paare sprechen, wenn sie in die Paartherapie kommen: wiederkehrende Streits, emotionaler Rückzug, fehlende Intimität, Affären, Eskalationen, Schweigen oder Entscheidungsunfähigkeit.
Aus systemischer Sicht ist das Symptom nicht das eigentliche Problem – sondern ein Hinweis auf etwas, das im Beziehungssystem keine andere Ausdrucksform gefunden hat.
Das Symptom als funktionale Anpassung
In vielen systemischen Traditionen gilt: Das Symptom ist nicht das Problem – es ist bereits eine Lösung.
Eine funktionale Anpassung an eine innere oder relationale Überforderung. Eine Weise, Stabilität herzustellen, wenn direkte Klärung, Entscheidung oder emotionale Verarbeitung (noch) nicht möglich sind.
Wichtig dabei ist eine präzise Unterscheidung:
Das Symptom wirkt nicht beziehungsfördernd, sondern systemerhaltend. Es sichert Stabilität, indem es Nähe, Entscheidung und Veränderung begrenzt. Genau darin liegt sein paradoxer Charakter.
Warum Symptome entstehen – und wofür sie schützen
Ohne das Symptom wären oft Prozesse notwendig, zu denen Teile des Systems – einzelne Beteiligte, innere Anteile, emotionale Ebenen oder Loyalitäten – noch nicht bereit sind.
Das können sein:
- Abschied und Verlust
- Trauer, Schuld oder Scham
- Identitätsveränderungen
- Konsequenzen für Familie, Kinder oder Lebensentwürfe
Das Symptom übernimmt hier eine Stellvertreterfunktion. Es verhindert nicht das Leiden – im Gegenteil, es erzeugt oft Leid –, aber es schützt vor Prozessen, die subjektiv als noch schwerer, noch bedrohlicher oder nicht haltbar erlebt werden.
In diesem Sinn verschiebt das Symptom Unaussprechliches in eine sichtbare Form.

Typische symptomatische Lösungen bei Paaren
So entstehen Muster, die paradox stabilisieren:
- Streit hält Distanz und verhindert echte Nähe.
- Rückzug schützt vor Entscheidung und Konfrontation.
- Sexuelle Blockaden regulieren Bindung und Autonomie.
- Eskalationen machen Zusammenbleiben schwer, ohne Trennung erzwingen zu müssen.
- Ambivalenz bewahrt Beziehung und Identität zugleich.
Das Symptom vertritt etwas, das im System keinen anderen Ausdruck findet. Nicht alle Beteiligten müssen Symptomträger sein – oft trägt ein Muster oder eine Person das Symptom für das gesamte System.
Das Symptom ist eine Lösung – aber nicht die Wahrheit
In der klassischen Systemtheorie (u. a. Palo-Alto-Schule, Watzlawick) wird deshalb gesagt:
Das Symptom ist nicht das Problem. Der Lösungsversuch ist das Problem – und zugleich notwendig.
Oder radikaler:
Das Symptom ist eine Lösung. Aber nicht die Lösung der Wahrheit.
Es ermöglicht Überleben, Stabilität, Aufschub. Aber es ersetzt keine Entscheidung, keine Trauer, keine ehrliche Klärung.
Warum reine Stabilisierung problematisch sein kann
Hier liegt ein kritischer Aspekt für Paartherapie:
Wenn Paartherapie vorwiegend auf Erhalt, Beruhigung oder Hoffnung ausgerichtet ist, ohne die Funktion des Symptoms zu verstehen, kann sie ungewollt genau das stabilisieren, was das System eigentlich festhält.
Dann wird:
- Hoffnung zur Vermeidung
- Stabilisierung zur Verlängerung von Ambivalenz
- Beziehungserhalt zum Schutz vor Wahrheit
Nicht aus Unprofessionalität – sondern aus systemischer Blindheit.

Warum gute Paartherapie nicht bei der Lösung der Probleme stehen bleibt
Viele Paare kommen mit dem Wunsch in die Praxis, dass der Streit, die Sprachlosigkeit oder die Affäre einfach „aufhören“ soll. Sie wünschen sich eine Reparatur. Doch eine rein lösungsorientierte Symptombekämpfung greift im systemischen Kontext zu kurz – sie wäre so, als würde man die Warnleuchte im Auto abkleben, anstatt den Motor zu prüfen.
Intervention heißt nicht Symptomreduktion
Systemisch gedacht bedeutet Intervention – also jeder Impuls und jede Frage, die ich in den Prozess einbringe – nicht:
Symptom → Technik → Symptom weg.
Sondern:
Symptom → Bedeutung → Funktion → Beziehung → Entscheidungsspielraum.
Die therapeutischen Impulse zielen darauf ab:
- Die Funktion des Symptoms sichtbar zu machen.
- Ambivalenzen nicht vorschnell aufzulösen, sondern verstehbar zu machen.
- Das Unentscheidbare entscheidbar oder tragbar werden zu lassen.

Wann Symptome wirklich überflüssig werden
Ein Symptom wird nicht überflüssig, weil es verstanden wurde. Es wird überflüssig, wenn das, wofür es stellvertretend stand, auf andere Weise getragen werden kann. Das kann bedeuten:
- Eine Entscheidung ist innerlich gefallen – auch ohne sofortige Umsetzung.
- Ein Verlust kann emotional gehalten werden.
- Eine Ambivalenz darf bestehen, ohne das System zu destabilisieren.
Wenn ein Symptom bleibt, bedeutet das nicht, dass die Therapie versagt hat. Es bedeutet, dass es weiterhin etwas trägt, das für das System (noch) nicht anders haltbar ist.
Diese Sichtweise verschiebt den Schwerpunkt: Weg von ‚Symptom weg‘ oder ‚Beziehung erhalten‘ – hin zu Funktion verstehen, Entscheidungsspielraum erweitern und Integrität sichern.
Zusammenfassend lässt sich dieser Prozess so beschreiben:
- Vom Symptom zur Bedeutung: Wir verstehen, was der Konflikt eigentlich mitteilen will.
- Dem Eigenen begegnen: Jeder übernimmt die Verantwortung für seinen Anteil am System.
- Wahrhaftigkeit: Das Aussprechen dessen, was bisher zu gefährlich war.
- Handlungsfähigkeit: Wenn die Wahrheit im Raum steht, wird das Symptom oft als „Puffer“ nicht mehr gebraucht – der Weg für eine echte Entscheidung ist frei.
Dieser Weg von der Symptombekämpfung hin zur eigentlichen Wahrheit ist kein rein philosophischer Ansatz. Die moderne Paarforschung liefert heute die messbaren Belege dafür, warum das reine „Lösen von Problemen“ oft ins Leere läuft – und warum die Fähigkeit zur emotionalen Aufrichtigkeit das eigentliche Fundament jeder stabilen Veränderung ist.
Viele der festgefahrenen Dynamiken, mit denen Paare konfrontiert sind, lassen sich erst verstehen, wenn traumabezogene Bindungs- und Regulationsmuster mitgedacht werden. Eine vertiefte Einordnung dazu findet sich im Fachartikel „Traumafolgen in Beziehungen“.
Was die Forschung dazu sagt
Der Fokus auf Klarheit statt Erhalt
Die moderne Paarforschung (u.a. Meta-Studien zur Wirksamkeit) hat den Fokus längst verschoben: Erfolg wird heute nicht mehr am bloßen Fortbestand der Beziehung gemessen, sondern an der Reduzierung von Leid und der Erhöhung der Selbstwahrnehmung.
Mehrere etablierte Richtungen der Paartherapie stützen diesen Ansatz der Wahrhaftigkeit und arbeiten nicht für das „System Ehe“, sondern für die beteiligten Menschen:
- Bill Doherty entwickelte Discernment Counseling genau für Paare, bei denen eine Entscheidung offen ist. Nicht mit dem Ziel, die Beziehung zu retten – sondern Klarheit und innere Zustimmung zu ermöglichen.
- Andrew Christensen (Integrative Behavioral Couple Therapy) verlagerte den Fokus weg von Veränderungsdruck hin zu Akzeptanz, Musterverständnis und emotionaler Ehrlichkeit – weil Veränderung ohne Wahrheit selten trägt.
- Sue Johnson zeigt mit EFT: Paarkonflikte sind meist Schutzreaktionen eines Bindungssystems. Erst wenn diese sichtbar und emotional zugänglich werden, kann Nähe wieder entstehen – oder eine Trennung respektvoll gelingen.
Bill G. Doherty formuliert es so: „Discernment counseling is designed not to resolve a couple’s ambivalence about their future together, but to help them recognize and articulate the ambivalence that already exists so that a clear decision can be made.“
Das gemeinsame Fazit der Forschung: Therapie kann und sollte Entscheidungen nicht ersetzen, sondern den Boden für Klarheit bereiten.

Ein stilles Kriterium guter Paartherapie
Systemisch betrachtet entsteht Beziehung nicht als etwas, das „da ist“ und repariert werden kann. Sie formt sich im Kontakt – aus dem, was jede und jeder Einzelne mitbringt, aushält, zeigt oder vermeidet.
Die wichtigste Bewegung in der Paararbeit ist für mich oft nicht die auf den Anderen zu – sondern die auf das Eigene hin. Nicht, um sich abzuwenden. Sondern um überhaupt erst beziehungsfähig zu werden.
Paartherapie ist dann gelungen, wenn Menschen am Ende sagen können:
„Ich weiß jetzt, warum ich bleibe – oder warum ich gehe.“
Nicht aus Trotz. Nicht aus Angst. Nicht aus Schuld. Sondern aus innerer Stimmigkeit. Manche Beziehungen finden von dort aus zu einem neuen Anfang. Andere enden – aber ohne den jahrelangen inneren Verschleiß. Beides gehört zur persönlichen und menschlichen Entwicklung.
So viel Wahrheit gehört dazu: Gute Paartherapie gibt keine Garantien. Sie verspricht keine Rettung.

Sie bietet einen Raum.
Einen ehrlichen Blick.
Eine Begleitung auf Zeit.
Und zur unbequemen Berufsethik gehört auch diese Wahrheit:
Nicht jede Beziehung braucht Rettung.
Aber jede Beziehung braucht Wahrheit.
Nicht unbedingt für den Erhalt des Paares, sondern für die Integrität der beteiligten Menschen.
„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“
— Ingeborg Bachmann
Vertiefung & weiterführende Inhalte
Weiterführende Artikel
Wenn du einzelne Aspekte weiter erkunden möchtest, findest du hier zwei thematisch anschließende Beiträge: Diese Beiträge vertiefen Aspekte von Beziehung, Selbstkontakt und systemischer Klarheit:
Paartherapie München: Trennung in Liebe – oder neuer Anfang?
Zum Thema Trennung, Entscheidung und Klarheit in Beziehungen – jenseits von Rettungsversprechen.
Nähe und Freiheit in Beziehungen – Bindung und Autonomie
Zum Spannungsfeld von Bindung und Autonomie: Wie Beziehungen Halt geben können, ohne Selbstverlust zu erzeugen.
Links zur „Praxis für Paartherapie in München“
Weiterführende Literatur und Quellen
Die folgenden Ansätze und Autor:innen bilden wichtige theoretische Bezugspunkte für die im Artikel beschriebenen Perspektiven.
Theoretische Bezugspunkte & Ansätze
- Bill Doherty – Discernment Counseling – Ansatz für Paare mit offener Entscheidungsfrage („mixed-agenda couples“), mit Fokus auf Klarheit statt Beziehungserhalt.
- Andrew Christensen – Integrative Behavioral Couple Therapy (IBCT) – Betonung von Akzeptanz, Musterverständnis und emotionaler Ehrlichkeit statt Veränderungsdruck.
- Sue Johnson – Emotionally Focused Therapy (EFT) – Bindungsorientierter Ansatz, der Paarkonflikte als Schutzreaktionen eines Bindungssystems versteht.
- Paul Watzlawick, Janet Beavin, Don D. Jackson – Pragmatics of Human Communication – Grundlagen systemischer Kommunikationstheorie, Paradoxien und Beziehungsmuster.
- Gregory Bateson – Systemtheorie, Doppelbindungs-Konzept, kybernetisches Denken – Zentrale theoretische Basis moderner systemischer Therapie.
- Jay Haley – Strategische Therapie, paradoxe Interventionen – Entwicklung systemischer Konzepte wie Symptomverschreibung und funktionale Symptome.
- MRI / Palo-Alto-Gruppe (Weakland, Fisch u. a.) – Systemische Kurzzeittherapie; Verständnis des Symptoms als Lösungsversuch des Systems.
Online-Quellen & Vertiefung
Wenn du Begriffe und Ansätze aus dem Artikel vertiefen möchtest, findest du hier einige Online-Quellen (überwiegend Originalseiten/Institutionen):
- Discernment Counseling (Bill Doherty) – Entscheidungsklärung bei ambivalenten Paaren
discernmentcounseling.com - IBCT – Integrative Behavioral Couple Therapy (Andrew Christensen) – Akzeptanz, Musterverständnis, Veränderung ohne Druck
ibct.psych.ucla.edu - EFT – Emotionally Focused Therapy (Sue Johnson) – Bindungsorientierte Paartherapie, Emotion & Nähe als Kernprozesse
iceeft.com - MRI – Mental Research Institute (Palo Alto) – systemische Kurzzeittherapie, paradoxe Interventionen, Musterarbeit
mri.org - Gregory Bateson – Systemtheorie & Doppelbindungs-Konzept – zentrale systemische Grundlagen (Encyclopaedia Britannica) britannica.com › Gregory-Bateson
- Paul Watzlawick – Kommunikation, Paradoxie, Lösungsversuche – Hintergrund zu „Der Lösungsversuch ist das Problem“
Wikipedia: Paul Watzlawick (als Kurzüberblick; für vertiefte Lektüre siehe Buchangaben im Text) - Paradoxe Intervention / Symptomverschreibung (systemischer Begriff) – verständliche Einführung (praxisnaher Überblick)
Wikipedia: Paradoxe Intervention (Begriffsklärung; nicht als wissenschaftliche Primärquelle) - Systemische Therapie – Grundbegriffe (DGSF) – seriöser Einstieg zu Systemik im deutschsprachigen Raum
dgsf.org - Systemische Therapie – Informationen & Hintergrund (Fachverband / Orientierung im Feld)
systemische-gesellschaft.de
Hinweis: Die Links dienen nur der begrifflichen Vertiefung. Für wissenschaftliche Evidenz sind Originalpublikationen, Fachbücher und Fachzeitschriften maßgeblich.
Autor: Daniel Urban – Paartherapeut und systemischer Therapeut in München
https://therapie-coaching-muenchen.de/paartherapie/